ihk_magazin_logo_2
„Passion für den Radsport“ – Firmenchef Konrad Irlbacher im Showroom in Raubling

„Passion für den Radsport“ – Firmenchef Konrad Irlbacher im Showroom in Raubling

© Thorsten Jochim

Ein brutaler Wandel

Was Konrad Irlbacher, Chef des Fahrradspezialisten corratec, über Branchenkrisen, Strategien und China-Konkurrenz berichtet, sagt auch viel aus über die Lage der deutschen Wirtschaft.

Von Martin Armbruster, IHK-Magazin 10/2026

Jeder, der ernsthaft Fahrrad fährt, kennt das „Bow“-Design der Mountainbikes und Rennräder von corratec. Der Fahrradhersteller aus Raubling ist seit Langem auch auf Auslandsmärkten sehr aktiv und erfolgreich. Aber nun gibt es viele schlechte Nachrichten aus der Fahrradbranche. Wie Konrad Irlbacher, Gründer und Chef von corratec, die Lage erklärt, ist aufschlussreich – und sagt viel aus über die Lage der deutschen Wirtschaft insgesamt.

Herr Irlbacher, Insolvenzen, Jobabbau, Marken verschwinden – was ist los in Ihrer Branche? Haben die Deutschen keine Lust mehr auf ein gutes Fahrrad?
Daran liegt es nicht. Klar, wir hatten im Coronajahr 2020 ein Rekordhoch. Damals wurden in Deutschland 5 Millionen Fahrräder verkauft. In den Jahren danach ging es nur leicht zurück auf 4,3 Millionen, dann auf 4,2. Im deutschen Markt werden weiter jedes Jahr rund 4 Millionen Fahrräder verkauft. Wir haben zum Glück einen relativ stabilen Markt – anders als bei der Autoindustrie, die mit Absatzeinbrüchen von bis zu 20 Prozent zu kämpfen hat.

Corona kappt die Lieferkette

Trotzdem hat die Fahrradbranche Probleme. Wie konnte das nach dem großen Boom passieren?
Das ist die Spätfolge der Coronazeit, in der der Markt wirklich verrücktspielte. In den Jahren 2020 bis 2021 gab es einen Nachfrageboom, wie wir ihn noch nie erlebt hatten. Irgendwann kam der Punkt, an dem fast nichts mehr ging. Der Handel war komplett ausverkauft, wir Hersteller konnten kaum noch produzieren, weil keine Lieferkette mehr funktioniert hat.

Was war denn so knapp?
Alles, wirklich alles. Rahmen, Schaltungen, Laufräder, E-Antriebe. Kosten und Preise stiegen, weil wir fast nichts mehr bekommen haben. Das war eine harte Zeit. Auch die Containerpreise explodierten, wir hatten die Blockade im Suezkanal, die alles noch verschlimmert hat.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Natürlich haben auch wir versucht, uns die nötigen Teile zu beschaffen. Aus heutiger Sicht war es aber ein Glück, dass wir gar nicht erst versucht haben, alle Aufträge zu bedienen. Niemand wusste, wann wer wieder liefern kann. Der Handel hat panisch reagiert und bei den Herstellern viel zu viel bestellt. 2022 funktionierten die Lieferketten plötzlich wieder. Dann ist der Markt ins andere Extrem gekippt.

Ruinöse Rabattschlachten

Vom Mangel ins Überangebot ...
Ja, wir hatten eine Fahrradschwemme, die am Markt nicht abzusetzen war. Preise und Renditen rutschten in den Keller, die Rabattschlachten waren ruinös. Wenn der Handel 50 Prozent mehr Ware im Laden stehen hat, für die es keine Käufer gibt, bestellt er nichts nach. Das zieht die Hersteller mit nach unten. Dann leiden alle.

Müssen wir uns um corratec sorgen?
Zum Glück nicht. Wir haben im vergangenen Jahr sogar ein kleines Plus gemacht – und das in dem Marktumfeld! Das ist selten. Wir haben einen guten Plan für dieses Jahr. Der Markt hat sich wieder beruhigt. Wir haben tolle Produkte. Das stimmt mich zuversichtlich.

Im vergangenen Jahr haben Sie Stellen abgebaut. Ist das eine Folge der Krise?
Natürlich muss auch ich auf die Kosten schauen. Entscheidender war aber, dass wir es nicht geschafft haben, unsere Produktion hier in Raubling zu erweitern.

Bürokratie bremst nationale Expansion

Das ist gescheitert an den ewig langen Genehmigungsprozessen. Das hat uns viele Jahre gekostet. Als Konsequenz haben wir die Produktion nach Rumänien verlagert. Hier in Raubling haben wir derzeit 120 Mitarbeiter in der Produktion, in Rumänien, in Timisoara, sind es 250. Wir haben also insgesamt Beschäftigung aufgebaut.

Früher made in Raubling, jetzt made in Timisoara – bedeutet das nicht einen Qualitätsunterschied?
Wir stellen seit 2023 unsere gesamte Produktpalette in Rumänien her. An der Qualität unserer Räder hat das nichts geändert. Das wird auch durch die Tatsache belegt, dass wir in Rumänien Fahrräder für andere Hersteller bauen. Darunter sind bekannte Marken. Die vertrauen uns. Offenbar machen wir viele Dinge richtig.

Sie sind ein Familienunternehmen. Ist das ein Vorteil, wenn man schnell auf Umbrüche im Markt reagieren muss?
Leider sind nicht mehr viele Familienunternehmen übrig. Traditionsmarken gehören heute Konzernen, in der Boom-Phase sind Investoren in Fahrradfirmen eingestiegen. Das bringt Kapital, aber man handelt nicht mehr frei. Bei corratec geht es auch nicht nur um Zahlen. Wir stecken viel Leidenschaft und Herzblut in das Geschäft, wir haben echte Passion für den Radsport. Ich denke, dass unsere Kunden das schätzen.

Alles in Familienhand

Ihre ganze Familie ist in Ihrem Unternehmen aktiv. Funktioniert das reibungslos?
Ja, jetzt ist unsere 3. Generation am Werk. Das funktioniert sehr gut. Unsere jüngste Tochter Tessa leitet unsere beiden größten iko Sportläden, die wir in Raubling und Salzburg haben. Unser Sohn Johannes kümmert sich um IT und Finance, unser 2. Sohn Konrad arbeitet in der Produktentwicklung. Und meine Frau ist natürlich die Oberchefin (lacht). Sie ist jeden Tag hier und sorgt dafür, dass alles läuft.

Sie wurden in einer schwierigen Phase von einer Großbank im Stich gelassen. Wie steht es heute mit Ihrer Finanzierung?
Die ist eindeutig viel schwieriger geworden. Natürlich reagieren die Banken, wenn sie fast jeden Tag von der Insolvenz einer Radfirma lesen. Jeder Bankmitarbeiter hat die Angst, gegrillt zu werden, wenn er in dem Umfeld über Kredite entscheiden soll. Schnell geht da nichts mehr. Es werden Gutachten und Absicherungsinstrumente verlangt. Es zählt nicht mehr, wenn man sich seit Jahren gut kennt. Es geht nur um die reinen Zahlen.

Von Raubling in die Welt

Wie viele Fahrräder gehen ins Ausland?
Wir produzieren pro Jahr etwa 140.000 Räder, davon gehen rund 25.000 ins Ausland. Wir gehören zu den deutschen Marken, die international wirklich erfolgreich unterwegs sind. Wir liefern in ungefähr 40 Länder. Wichtige Märkte sind für uns Brasilien, Japan, Neuseeland, Polen und Tschechien.

Gibt es da Unterschiede bei den Kundenwünschen?
Das spüren wir schon auf dem deutschen Markt. Corratec war immer bekannt dafür, farbenfroh, modern und auch etwas polarisierend zu sein. In Hamburg oder an der Küste wollen die Kunden aber dunkle oder schwarze Räder. Im Norden wird das Damenrad eine Nummer größer als bei uns in Raubling gekauft, weil dort die Frauen mehr Komfort verlangen.

Welche Fahrradmodelle bringen Ihnen das meiste Geschäft?
Hier in Raubling sind es schon eher die E-Bikes. Die Brasilianer kaufen in erster Linie Rennräder oder teure Mountainbikes. Polen ist für uns spannend, da hat sich der Markt gedreht: Dort haben wir anfangs nur günstige Einstiegsräder und Auslaufmodelle verkauft. Heute gibt es in Polen eine kaufstarke Mittelschicht, die sehr sportaffin ist. Jetzt ist das ein Markt für unsere Spitzenmodelle.

Mit-Vorreiter bei E-Bikes

Corratec gilt als sportliche Marke. Haben Sie den Sprung zum E-Bike rechtzeitig geschafft?
Radsportler haben anfangs über E-Bikes gelacht. Wir waren trotzdem einer der ersten Anbieter, die 2013 E-Bikes auf den Markt gebracht haben. Damals war das ein mutiger Schritt, für den wir viel investiert haben. Wir waren alle irgendwie getrieben, weil du in unserer Branche nur überleben kannst, wenn du schnell auf den Wandel im Markt reagierst. Diese Umwälzung geht weiter, sie ist noch lange nicht vorbei.

Ist das Gravelbike der neue Trend?
Das Gravelbike verändert den Markt nicht so radikal wie das E-Bike. Das Gravelbike ist in meinen Augen nur eine Entwicklung aus dem Rennrad. Man kann damit im Gelände fahren und hat mehr Sitzkomfort. Für wirklich umwälzend halte ich das, was sich beim E-Bike tut.

Was passiert denn da Neues?
Da hatten wir lange Zeit fast ein deutsches Monopol. Wir dachten alle: Beim E-Antrieb ist Bosch eine Bank. Bosch liefert zuverlässig höchste Qualität, Bosch hat den Markt im Griff. Davon waren alle überzeugt. Aber dann tauchten fast über Nacht 2 Konkurrenten aus China auf, die einfach innovativer waren. Darauf mussten und müssen wir Hersteller reagieren.

Von 85 auf 150 Newtonmeter

Was machen denn die Chinesen besser?
Schon wie die auf dem Markt aufgeschlagen sind! Eine Schubkraft von 85 Newtonmetern, die der Bosch-Antrieb lieferte, das galt als Maß der Dinge. Die Chinesen haben mit 150 Newtonmetern losgelegt. Das ist fast wie ein Rennen zwischen Traktor und Auto. Wenn ein Kunde auf dem Parkplatz Probe fährt, ist die Sache sofort entschieden: Da gewinnt China. Bosch hat jetzt nachgezogen. Der Kunde kann auf 120 Newtonmeter hochschalten. Aber die Reaktion kam spät. Ich hoffe, dass die noch die Kurve kriegen.

Aber Sie entscheiden doch, was Sie bei corratec-Bikes einbauen.
Wir müssen für das E-Bike das Rahmeninvestment bringen. Dafür lege ich 200.000 bis 300.000 Euro auf den Tisch. Das kann ich nicht ein halbes Jahr später noch einmal machen, wenn der deutsche Lieferant technisch nachgezogen hat. Das passt dann nicht mehr in die Finanzierung und Planung.

Spüren Sie schon die Konkurrenz chinesischer Kompletträder?
Für das, was aus China rausgeht, gelten extreme Zölle. Das bremst chinesische Marken noch aus. Die werden sich aber was einfallen lassen. Dann liefern sie über Vietnam oder andere zollfreie Länder. Es ist nur eine Frage der Zeit. Der Angriff wird kommen.

Raus aus der Lähmung

Wie könnte die Politik Sie unterstützen?
Wir brauchen eine bessere Stimmung im Land. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Das lähmt uns alle. Ich habe noch die Hoffnung, dass wir das gemeinsam hinkriegen. Ohne Optimismus und Visionen kann man kein Unternehmen führen.

Zur Person: Konrad Irlbacher

Konrad Irlbacher (64) fing 1982 an, eigene Fahrräder zu bauen. 1990 gründete er corratec. „Passion of Cycling“ – unter diesem Slogan leitet er mit seiner Frau Cielo das Unternehmen. Corratec macht heute einen Umsatz von rund 110 Millionen Euro. Irlbacher hat sich von Beginn an im Rennsport engagiert, für seine Räder gewann er schon mehrere Designpreise.